DIETER SCHLESAK

GEFÄHRLICHE SERPENTINEN
Rumänische Lyrik der Gegenwart
(Druckhaus Verlag 1998)
Ergänzungen

"SERPENTINE PERICULOASE"
Lirica româneasca actuala
Completari

 

Cezar Ivanescu

als sie mich gebar, meine mutter,
auf einem tisch, ausgestreckt, schrecklich
litt sie;
doch auf einem andern tisch
lag meine mutter, frau tod,
nackt, ausgestreckt, lächelnd,
so schön war meine mutter, frau tod.
sie lächelte, weil
ich, ihr kind zur welt kam,
ohne daß sie litt!

 

Mircea Tuglea

Bleib (Ramîi)

Auch ich wollte ja ein gedicht schreiben wie
jeder langhaar-teenie über
die fleischeslust über frau tod
mit kupferfarbenem sex und rötlichem haar
als es sich auf die linke schulter setzte
ein schattengespenst von mensch und das schrie
laß es sein Mirciulica zum teufel mit der
frau tod die hat diese schwarzen brüste die
kotzt mich an hab euch über bis zur decke
zum himmel euch dichter vor allem die jungen
mit eurem gebrabbel komm
trinken wir doch lieber einen Likör.

OK du schattengespenst eines lesers
wir gehen in die pinte und fressen uns an
halt du nur ganz links: und wir steigen raus
aus diesem gedicht hier und was frau tod betrifft
wir sind doch noch jung, was
hat die mit uns; der teufel weiß es, sagt er,
und plötzlich da vor unsrer nase: eine
gußeiserne dame mit herab gezogenem schleier
übers gesicht ja weiß der teufel
ist doch die gattin mit dem bösen maul
wo treibst du dich herum fehlgeburt und abschaum
sagt sie anstatt zu hause zu sein sagt sie
und was dich betrifft, Mircea,
du bleibst!

Aura Christi

Nur du, Bestie (Numai tu, bestie

Nur du meine tiefste Bestie 
berührst die Fernen und saugst 
den wildesten Nektar 
Aus schmerzlicher Kälte. 

Nur du Himmel angespannt 
Der die Frühe umfaßt legst 
ihn Tag für Tag neben mich nieder. 

Meine Einsamkeit zerfällt so zu Asche und Staub! 
War sie in mir oder war sie nun außer mir? 
Ich weiß es nicht mehr! 

Wo war dieses Leben als ich es noch suchte im Gedicht 
Im Buch ... und weiß von der Angst meiner Hände 
Daß du nicht mehr neben mir liegst. Und weiß 
Von der Angst meines Blutes dich nie mehr zu sehn. 
Ich weiß wie wir dem Irrsinn verfielen und 
Niemand niemand niemand uns aufhalten konnte 

Doch wir sahen uns an. Nur wir sahen uns wirklich 
Und zwischen uns zweien gabs nur eine gemeinsame Haut 
Und teilten die Hände die Augen Brauen und Ringe 
Vermischten uns nahmen uns verwechselten uns ganz 
Wie es bei Vögeln geschieht die nicht unterscheiden 
Den Flug vom Fall teilten wir den Schlaf und die längst 
vergangenen Jahrhunderte und alle kommenden schon. 
Die Umgebung um uns war so irr und verworren 
Doch wir beide schwebten von Anfang an schon 
In einem tief in uns vergrabenen Himmel, Geliebter!!!

 

Paul Daian

Zyankali Mauren (Ziduri de cianura)
(fragment)

der fünfte tag des tages

Tätowiertes blut zeichen: entfremdung. ich
kann mein gesicht nicht mehr von der wand lösen.
geschwärzter spiegel. kälte. kosmischer marsch des hirns.
kupfersieg geschwärzt grüßt das weiße jod. kadaver
von einem raum in den andern. tür die klemme. ich
schreibe und atme. die kranke kriecht auf allen vieren
ihr brennt der rücken in der zeit in der sie das kalte
getränk schlürft. sie verfault unter meinen sohlen
und schreit, steigt wie auf einer waffe hoch. ich aber
steh weit weg in den letzten morgen des tages.

 

Marin Mincu

Liebesgeschichte
 
Aus: "Über die Zerbrechlichkeit des Lebens" (Despre fragilitatea vietii)
 
Müdigkeit

Wie müde ist
Die Erde in mir Mutter
Du zerreißt mir das Herz
Damit ich erwache
Wenn ich dabei bin
einzuschlafen
 
Auf einer Grenz
Furche den Kopf
So schlafe
Ich wie ein Stein
Entschlafe
Wie ein Vogel
Und schlafe
Wie ein Bär
Im Winter
Wenn du mich rufst
Winde ich mich stumm
Aus den Fängen des Schlafes
 
Wie müde ist
Die Erde in mir Mutter

 

Aus: "Die Storchenjäger" (Vînatorii de berze)

 1

eine gleichgültige sonne liegt
flüssig über der Materie
und es regnet befruchtend mit eiern
wortschwellennah
bläst die faulige luft
vogelnester auf bis sie platzen
verspritzt die eier
auf den boden fett von rotem kaviar
eiergestank heimlicher gedanken
seit neun monaten
regnet es immerfort
eier
 
2

los kommt doch zur storchenjagd
hört diese vereinzelte stimme
sie verderben uns das gras der dächer
verstopfen uns den rauchfang mit reisig
scheißen ohne scham
und furcht
ins innere der häuser
ihre flaumen schneien ins bettzeug
erdrücken den hechelnden atem
kitzeln unsere nasenlöcher
ersticken mann und frau
spionieren uns nach beim kindermachen

 

Aus: "Eute des Realen" (Prada realului)

 11

hinter der schreibmaschine
ist sie zurückgeblieben die spur
ein fingerabdruck
auf dem revolverabzug
nichts bleibt außer
dem wortwind
wind
...ind

 

 Aus: "Nachmittag in einem Hotelzimmer"
(Un pomeriggio in una stanza d´albergo)

für Stefania

1. Wie immer
 
ich bin in diesem fremden zimmer mit dir
du bist 2000 kilometer weit entfernt
ich versteh nicht was geschehen ist
warum ich jetzt plötzlich erwacht bin
du warst doch da und wir sprachen
wie immer über wichtige dinge
und was sich so einreiht in den redefaden
(jenen den ich schreibe und den ich lebe)
dich gibt es wenn ich zu dir spreche
und ich wende mich um damit ich dich sehe
wo bist du warum hast du das zimmer verlassen
sicher gibt es dich noch/ irgendwo
am rand meiner wörter in ihrer umgebung
ich glaube nicht daß du
zu weit weg gegangen bist die luft vibriert noch
und dein körperabdruck im kissen
ist ein tiefes nest ich strecke die hand aus
das linnen ist heiß vor präsenz
und verbrennt mich
vielleicht hat dich der italienische straßenkrach
hörbar von der terrasse her/ vertrieben
 
4. reif

 was tust du warum verspätest du dich
jetzt in diesem innenraum
ich weiß nicht ob es tag ist oder nacht
ich warte auf dich
daß du endlich kommst ich
liege ausgestreckt da und rühre mich nicht
um die von dir
geatmete luft
nicht zu verderben
und tauche in dies dunkel ein
das süß ist wie ein mutterleib
wie gut und wieviel
leinenfrische atmet hier kühl das
rascheln jungfräulicher
blätter ein weiß des
ungeschriebenen buches
und ich lasse mich fallen
ins geheimnis des völlig gelöstseins
(nein wir dürfen uns im gedicht
nie überfluten lassen von gefühlen)
und ich konzentriere mich auf den rembrandtnebel
auf meinem gesicht
und liege unbeweglich da
das innere feuer im dritten auge
gerichtet auf das überraschende geräusch
deiner schritte/ im reif des Erinnerns
und warte daß die mauer unseres vergessen
die jetzt
wuchs zwischen uns
einreißt
 
7. umriß

meine liebe
du bist wirklich anwesend
der duft deines zerbrechlichen wesens
bleibt in diesem hotelzimmer
und auf der terrasse von wo du die landschaft betrachtest
mit soviel zärtlichkeit und mit der zärtlichkeit meiner
worte ganz süß und ausgebreitet
auf einer träumenden luft
im trägen
umriß eines
schläf-
rigen
dis
kurs
Es

 

Aus: "die Kälte kommt!" (Vine frigul!)

 für Ion Gheorghe

"woher kommst du denn eisscholle und
was willst du denn von mir?"
 
2. mich hat das gefühl für wärme
verlassen so wie dich das gefühl für frauen verläßt
es ist mir ganz unmöglich mich daran zu gewöhnen:
es drängt sich heiß an mich
dringt ein in meine rechte hüfte schmiegt sich dort ein
dringt ein ins böse fleisch das es nicht will
zerrt an den fußknöcheln unsanft und
kitzelt mich/ doch bin nicht ich es der hier lacht ich versteh nicht
warum es lacht ich bin jetzt weit von mir entfernt
und beobachte nun die distanz
ein warmer leib ach gott wie warm er ist
ja wäre er nicht so warm
dann würde ich dies eis das mich verliebt umfängt
nicht fühlen weils mich umgibt mit soviel zärtlichkeit
 
6. eishauch dein atem wenn du küssend meine lippe beißt
ich fühle wie sich deine zähne bohren in mein fleisch
wie sideral der riß im fleisch
ach reißend dieser spalt in meinem fleisch
und das intakte hymen das vom drang des blutes reißt
im sog einer lunaren flut
und dies papier der jungfräulichkeit
nun im papierkorb landet:
 
du wurdest besucht vom goldregen
der die göttervergewaltigung gar segnet
neckend nackte idee in sich zu ruhn
in sich das letzte
selbst des selbst zu tun

Aus: "Die gymnastische Übung" (Proba de gimnastica)

ein immerwährender zustand
für Lucian Blaga

marin mincu ist im wartestand
ein aufgerissenes auge demoliert voll wut
die chemische struktur der gegenstände
befreit die elemente endlich wieder
 
zwischen voll und leer
der sogenannten interstitiellen falten
faßt seine hand nun frisch hindurch
ein raucheichhörnchen zwischen seine zweige
 
zwischen den ästen des realen hier im überfluß
die sperlingin dann blätter und die wörter
so ausgetobt rasfats dezmats geaalte uniforme formen
gestolzte praxis hoher semnifikanten
 
die sprache der poesie entdecken die hand
entsichert an dem abzug deiner schreibmaschine
um zu erschießen deinen langerwarteten vers
den einzigen der dir noch wehtat
 
marin mincu sitzt da vorgeneigt
zwischen den formen des zustandes "real"
und dem bösesten malignen zustand
und den heilt kein spital.

Aus: "Ich träumte daß ich träumte ein engel zu sein"
(Am visat ca visez ca sînt un înger)
 
solange sie lebte konnte ich keine andere frau wirklich lieben
es war wie eine nabelschnur zwischen uns so abstrakt wie rein
unzugänglich jeder profanierung des gefühls sie erwartete mich
voller spannung zu hause umarmte mich voller ängstlichkeit
indem sie mir in die augen sah konnte sie in mir lesen bis
in die perfidesten falten meines ich und dann war ein leuchten
um ihre gestalt und eine tiefe erotische ausstrahlung umgab sie
wenn sie schwanger war und sofort lud sich mein wesen neu auf
mit hemmungsloser vitalität und ich beruhigte mich entspannte
meine nerven atemlos vor freude und güte

 

Gheorghe Grigurcu

Ein blinder Tag
eine verwundete Woche
ein hinkender Monat
ein taubstummes Jahr

vergeblich schrie ich ihm ins Ohr
Sätze in seiner eigenen Sprache
die ich/ der Letzte

kaum lernte!

 

Constantin Severin

Mauer und das Neutrino (Zid si neutrino)

"Im Wahn werden wir wieder in die Natur eingehn"
Mihai Eminescu

6

oh frau sogar der tod
hat ein gedächtnis der runden formen
im rausch des fernrohrs
kappt das meer den grünen wahnsinn
der astronomen

der wind epidermis der angst
und maximale gewächse der Einsamkeiten
das leben ist nichts als chirurgie
am auge eines helden
und auf der straße beobachten die blinden
psycho analytische oberflächen der dinge

mir waren gegeben zu hören
gegeben zu sehen
eklipsen
zwischen der musik
und dem grenzen losen auge
der blinden
too young i died
for he blindness
of life

 

(PENTRU MAI MULTE AMANUNTE PRIVIND ANTOLOGIA
"SERPENTINE PERICULOASE" A LUI DIETER SCHLESAK, APASATI AICI)

 

 

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